Energie am Scheideweg: Wohin steuern die USA?
Auf einen Blick
- US-amerikanische Solar- und Windenergieentwickler stehen vor einer Sturmfront aus politischen und wirtschaftlichen Herausforderungen.
- Andere Bereiche der sauberen Energie verzeichnen eine bessere Entwicklung, insbesondere aufgrund der steigenden Stromnachfrage für Rechenzentren, was wiederum Innovationen fördert.
- Nach aktuellen Prognosen werden fossile Brennstoffe bis 2030 für immer noch mehr als 50 % der Energieversorgung der Rechenzentren in den USA sorgen.
- Der Einsatz erneuerbarer Energien könnte eine effektive Maßnahme zur Eindämmung des Strompreisanstiegs in den USA darstellen.
Verschlechtertes Klima für US-amerikanische Wind- und Solarenergieentwickler
An seinem ersten Tag als Präsident erließ Donald Trump eine Durchführungsverordnung, mit der er neue Genehmigungen für Windparks aussetzte. Einige Monate später ließ er mit dem „One Big Beautiful Bill“ (OBBB, unterzeichnet im Juli) einige der wichtigsten Steuervorteile für Solar- und Windprojekte viel früher auslaufen, als es im Inflation Reduction Act von 2022 vorgesehen war. Um in die Förderung für diese Projekte aufgenommen zu werden, muss der Bau nun vor dem 4. Juli 2026 begonnen oder bis Ende 2027 abgeschlossen sein. Auch andere bereits genehmigte Offshore-Windprojekte, wurden mithilfe der Exekutivgewalt im Bau gestoppt.
Über die Maßnahmen für Solar- und Windprojekte hinaus sieht der OBBB die Abschaffung von Steuergutschriften für Elektrofahrzeuge und Wasserstoffproduktion nach 2025 vor.
Weitere Risiken für den Sektor entstehen aus der Abhängigkeit der Lieferketten von Schlüsselkomponenten aus China. Die jüngsten Bestimmungen des OBBB zu „ausländischen Unternehmen von Interesse” („Foreign Entities of Concern” - FEOC) schränken den Zugang zu Komponenten aus „feindlichen“ Ländern ein.
Darüber hinaus zielt die „saubere Kohle“-Verordnung auf eine Verlagerung der Energiepolitik weg von der Förderung erneuerbarer Energien hin zu fossilen Brennstoffen und kritischen Mineralien. Entsprechend dürften Finanzmittel und regulatorische Unterstützung von der Solar- und Windindustrie auf die Kohle-, Öl-, Gas- und Uranproduktion umgelenkt werden.
Hinzu kommen weitere wirtschaftliche Herausforderungen für die Branche: Finanzierungskosten nehmen aufgrund höherer Zinsen zu, und die Preise für wichtige Rohstoffe wie Stahl und Kupfer sowie für Komponenten steigen – insbesondere in Folge von neuen Einfuhrzöllen.
Zwar dürfte die bevorstehende Abschaffung der Steuergutschriften im Rahmen des OBBB den Start von Projekten in der Pipeline und die Fertigstellung bereits laufender Projekte kurzfristig beschleunigen und zu einem vorübergehenden Boom führen. Zugleich sehen sich die US-amerikanischen Solar- und Windenergieentwickler jedoch mit einer Sturmfront aus politischen und wirtschaftlichen Herausforderungen konfrontiert.
Andere saubere Energien haben bessere Zukunftsaussichten
Glücklicherweise ist nicht der gesamte Sektor der sauberen Energien von denselben widrigen Umständen betroffen. Nicht-Solar- und Nicht-Wind-Technologien wie Speicher, Wasserkraft, Kernkraft und Geothermie sind von den Maßnahmen OBBB ausgenommen. Die erweiterten Steuergutschriften bleiben bis mindestens 2033 bestehen. Danach ist für einige Branchen eine schrittweise Reduzierung vorgesehen. Diese Technologien stoßen derzeit auf großes Interesse bei Investoren.
Ein weiterer Innovationstreiber ist der steigende Strombedarf der Technologiegiganten. Nach Jahren stagnierender Stromverbrauchszahlen sorgen Rechenzentren und die Entwicklung der künstlichen Intelligenz (KI) für ein rasantes Wachstum der Stromnachfrage. Die US-Energieinformationsbehörde EIA prognostiziert einen Anstieg der Stromnachfrage in den USA um 2,2 % bzw. 2,4 % für 2025 und 2026. Das ist mehr als doppelt so viel ist wie die durchschnittliche Wachstumsrate der letzten zehn Jahre.
Die Internationale Energieagentur (IEA) prognostiziert unterdessen, dass die US-Wirtschaft im Jahr 2030 durch den Einsatz von KI mehr Strom für die Datenverarbeitung verbrauchen wird als für die Herstellung aller energieintensiven Güter zusammen, einschließlich Aluminium, Stahl, Zement und Chemikalien. Der spezifische Energiebedarf von KI und Rechenzentren, die eine konstante Stromversorgung mit hoher Kapazität erfordern, kann jedoch durch die schwankende Leistung von Solar- und Windenergie nicht ausreichend gedeckt werden. Deshalb investieren Unternehmen wie Google in fortschrittliche Start-ups im Bereich Geothermie. Technologieunternehmen setzen zudem auf kleine modulare Kernreaktoren der nächsten Generation und schließen Verträge mit Start-ups in diesem Bereich ab.
Trotz dieses Interesses an alternativen sauberen Technologien wird Erdgas laut IEA (April 2025) auch weiterhin eine bedeutende Rolle bei der zusätzlichen Stromversorgung spielen, die durch den Bedarf von Rechenzentren induziert wird. Derzeit ist Erdgas die größte Stromquelle für Rechenzentren in den Vereinigten Staaten, gefolgt von erneuerbaren Energien (siehe Grafik unten). Fossile Brennstoffe wie Erdgas und Kohle dürften daher bis 2030 in den USA weiterhin mehr als die Hälfte der Rechenzentrumskapazitäten versorgen.

Herkömmliche Kraftwerke können blockierte Projekte im Bereich erneuerbare Energien nicht ersetzen
Angesichts des steigenden Strombedarfs und der Herausforderungen für den Einsatz von Solar- und Windenergie könnte es schwierig werden, die durch Projektverzögerungen im Bereich erneuerbare Energien geschaffene Lücke mit Gas- und Kernkraftwerken angemessen zu schließen. Da fast ein Fünftel der in Entwicklung befindlichen Gasstromkapazitäten bereits für Rechenzentren vorgesehen ist, müssen neue Gaskraftwerksprojekte mit langen Wartezeiten für Spezialturbinen rechnen (fünf bis sieben Jahre). Auch der Bau von Kernkraftwerken dauert lange, und fortschrittliche Konstruktionen befinden sich derzeit gerade erst in der Prototypenphase.
Erneuerbare Energien als Puffer gegen steigende Strompreise
Die Strompreise in den USA sind aufgrund der wachsenden Nachfrage von Rechenzentren und des jüngsten Anstiegs der Gaspreise bereits gestiegen (siehe nachfolgende Grafik). Es ist davon auszugehen, dass die zunehmende Energienachfrage und die Versorgungsengpässe die Strompreise in den USA mittelfristig weiter in die Höhe treiben werden. In diesem Zusammenhang könnte eine beschleunigte Einführung erneuerbarer Energien den Preisanstieg dämpfen, da dies die kostengünstigste Option für neue Stromerzeugung darstellt, und die Anlagen schneller gebaut werden können als Gaskraftwerke.

Analystin: Florence Thiéry – f.thiery@credendo.com