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Vietnam: US-Handelskrieg bedroht vietnamesische Erfolgsgeschichte

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Landscape of a street in Vietnam
24/06/2025

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Aktuelle Länderinfos

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Auf einen Blick

  • Die starke Wirtschaftsleistung und Resilienz des vergangenen Jahrzehnts verdankt Vietnam dem Produktionssektor und Güterexport.
  • Die makroökonomischen Fundamentaldaten geben insgesamt ein starkes Bild ab, doch die Währungsreserven liegen leicht unter dem tragfähigen Niveau.
  • Hohe Risiken für Vietnams Rolle in Lieferketten ergeben sich aus US Importzöllen, Maßnahmen gegen chinesische Güter, die US-Zölle umgehen, sowie dem Druck aus den USA, die Beziehungen zu China zu beenden.
  • Das Wirtschaftsmodell des Landes, das von den Beziehungen zu den USA und China geprägt wird, offenbart angesichts der US-chinesischen Rivalität seine Anfälligkeit und erfordert eine zunehmende Diversifizierung der Handelspartner.
  • Vor dem Hintergrund eines von großen Herausforderungen geprägten Ausblicks bleiben Credendos Bewertungen des politischen Risikos einstweilen unverändert. 

Pro

Politische Stabilität
Starke Wirtschaftsleistung
Attraktiver Produktionssektor

Kontra

Anfälligkeit für US-Handelskrieg
Schwieriger Balanceakt zwischen den USA und China
Offene Volkswirtschaft mit hoher Exposition gegenüber geopolitischen Risiken

Staatsoberhaupt

Präsident Luong Cuong

Regierungschef

Premierminister Pham Minh Chinh

Bevölkerung

100,4 Millionen

BNE pro Kopf

4.110 USD

Einkommensgruppe

Niedriges mittleres Einkommen

Hauptexportgüter

Fertigerzeugnisse (81 % der gesamten Leistungsbilanzeinnahmen), Nahrungsmittel (7,7 %), landwirtschaftliche Erzeugnisse (2 %)

Makroökonomische Fundamentaldaten durch vitalen Produktionsstandort gestärkt 

Vietnam gehört zu den leistungsfähigsten Volkswirtschaften Asiens. Das BIP-Wachstum von durchschnittlich 6,7 % zwischen 2001 und 2019, das Ausbleiben einer COVID-bedingten Rezession (+2,9 % im Jahr 2020 und +2,6 % im Jahr 2021) sowie eine anhaltend starke Dynamik (+6,9 %) von 2022 bis 2024 unterstreichen Vietnams Resilienz. Diese Erfolgsgeschichte beruht auf zahlreichen Faktoren, wobei die wichtigsten Impulse vom Produktionssektor und vom Export ausgehen. Seit Jahren gilt Vietnam nunmehr als attraktiver Standort für ausländische Direktinvestitionen (ADI), als wichtiger südasiatischer Exporteur von Fertigerzeugnissen – für ein stetig wachsendes Produktspektrum wie Bekleidung, Schuhe, elektronische Geräte, Smartphones usw. – und seit Kurzem als Profiteur von der Verlagerung von Lieferketten, insbesondere von der „China+1“ Strategie, mit der Unternehmen die US-Zölle gegen China umgehen möchten. Mit seiner dynamischen Wirtschaft, den investorenfreundlichen Rahmenbedingungen mit guter Unterstützung durch nationale Behörden, qualifizierten Arbeitskräften und relativ wettbewerbsfähigen Lohnkosten wird Vietnam tatsächlich als gute Alternative zu China betrachtet, wenn auch in einer deutlich geringeren Größenordnung. Zahlreiche multinationale Konzerne, wie zum Beispiel Samsung, Intel, Apple und andere, haben daher in den letzten zehn Jahren Fabriken eröffnet, und Investitionen aus Festlandchina und Hongkong sind in die Höhe geschnellt, was China zum mit Abstand größten ausländischen Investor in Vietnam macht.

Dank der starken Wirtschaftsleistung und einer disziplinierten Regierungspolitik haben sich die makroökonomischen Fundamentaldaten mit der Zeit verbessert. So wies Vietnam 2024 einen tragfähigen öffentlichen Haushalt auf: Die Staatsverschuldung lag bei 33 % des BIP – einem gesunden Niveau im Vergleich zu anderen asiatischen Ländern –, das Haushaltsdefizit lag bei niedrigen 1,6 % des BIP, die moderate Inflation betrug etwa 3 % und die solide Zahlungsbilanz wurde von einem Leistungsbilanzüberschuss (6 % des BIP) und umfangreichen ADI-Zuflüssen gestützt.

Trotz der soliden Außenbilanz haben die Interventionen der Vietnamesischen Zentralbank zur Bekämpfung des Abwärtstrends des Dong teilweise zur Folge, dass die Währungsreserven weiterhin unter dem tragfähigen Niveau von drei abgedeckten Monatsimporten bleiben. Daher befindet sich Vietnams kurzfristiges politisches Risiko, das die Liquidität eines Landes bewertet, nach wie vor nicht in der besten Kategorie (2/7 mit negativen Aussichten).

Das mittel- bis langfristige politische Risiko weist mit Kategorie 4/7 eine moderate Bewertung auf und wird vom niedrigen Stand der Auslandsverschuldung und des Schuldendienstes, der starken Wirtschaftsleistung, dem unverändert hohen BIP-Wachstumspotenzial – angesichts hoher Spar- und Investitionsquoten von über 30 % des BIP – sowie von anhaltender innenpolitischer Stabilität gestützt. Negative Faktoren sind die moderaten Governance-Indikatoren mit einer erhöhten Korruptionswahrnehmung sowie die hohe Gefährdung durch Naturkatastrophen.

Vietnam: ein Wirtschaftsmodell mit hoher Anfälligkeit für den US-Handelskrieg

Allerdings besteht die Gefahr, dass die Grundlagen des wirtschaftlichen Erfolgs Vietnams und das vietnamesische Wirtschaftsmodell insgesamt in einem von globalen Turbulenzen geprägten handelspolitischen, wirtschaftlichen und geopolitischen Umfeld ins Schleudern geraten. Die Handelsturbulenzen, die von den abrupten und hohen US-Importzöllen verursacht werden und Länder mit einem Handelsüberschuss gegenüber den USA hart treffen, werden Vietnams Exporte und damit das reale BIP-Wachstum definitiv beeinträchtigen, sowohl direkt als auch indirekt. Die direkten Auswirkungen werden von den US-Importzöllen ausgehen, die für Vietnam gemäß der ersten Ankündigung bei astronomischen 46 % liegen sollen1. Die US-Regierung begründet dies damit, dass die USA gegenüber Vietnam das drittgrößte Handelsdefizit haben. Aus der ersten Einführung von Handelsbeschränkungen gegen China durch Präsident Trump im Jahr 2018 ging Vietnam als klarer Gewinner hervor, da das Land ein bevorzugtes Ziel für chinesische Exporte war, die von Vietnam aus in die USA weitergeleitet wurden. Angesichts der hohen Bedeutung des US-Markts für den vietnamesischen Güterexport (mit einem Anteil von 25 % der Gesamtausfuhren liegen die USA nach Kambodscha an zweiter Stelle) ist die wirtschaftliche Bedrohung hoch. Bilaterale Handelsverhandlungen, die aufgrund der Aussetzung der US-Importzölle Ende Mai derzeit weniger dringlich erscheinen, dürften die endgültige Höhe der Zölle reduzieren. So wären verschiedene Zugeständnisse zur Verringerung der Handelsungleichgewichte denkbar, wie etwa die höhere Abnahme von US-Gütern (insbesondere von Agrarprodukten und LNG) und die Senkung von Zöllen auf importierte US-Güter. Darüber hinaus haben die vietnamesischen Behörden sich verpflichtet, Maßnahmen gegen Handelsumlenkung zu ergreifen, da mehrere ausländische Unternehmen Meldungen zufolge mithilfe gefälschter Ursprungszeugnisse US-Zölle umgehen. In jedem Fall sollte die von der US-Regierung geplante Bekämpfung der Umladung chinesischer Güter bewirken, dass die USA Vietnam während Donald Trumps zweiter Amtszeit nur wenig Beachtung schenken, ungeachtet der bestehenden Sicherheitskooperation. Die Tatsache, dass China seit der Ankündigung der höheren Zölle Anfang April deutlich mehr für den US-Markt bestimmte Güter nach Vietnam exportiert, zeigt jedoch, dass bewährte Praktiken sich so lange wie möglich behaupten könnten.

Das Anziehen von ADI und Importen von chinesischen Gütern für den Reexport mit höherem Mehrwert gestaltet sich somit künftig schwieriger, was die Stärken Vietnams unterwandern wird. Der von den gestiegenen US-Importzöllen ausgehende Druck richtet sich nicht nur gegen Staaten, sondern auch gegen bestimmte Branchen. So gelten für Vietnam Importzölle von 50 % auf Stahl und prohibitiv hohe Zölle (zwischen 120 % und 813 %) auf Solarpaneele und Komponenten (aufgrund von angeblichem Preisdumping). Beide Branchen spielen für die vietnamesische Wirtschaft eine bedeutende Rolle. Die faktische Abschottung des US-Markts für Solarpaneele sowie höhere US Importzölle im Allgemeinen bedeuten, dass Vietnam seine Exporte weitestmöglich auf andere Märkte umleiten muss.

Zusätzlich zu diesen direkten Auswirkungen wird die ausgesprochen offene Volkswirtschaft Vietnams indirekt vom nachlassenden Welthandel, geringeren ADI und einer Verlangsamung der chinesischen Konjunktur beeinträchtigt werden. Weitere Unsicherheiten trüben die Aussichten für 2025 und 2026, und das Land dürfte unter dem weltweiten Wirtschaftsabschwung, hohen US-Handelszöllen und strengeren Beschränkungen für Reexporte aus Vietnam zu leiden haben. Im April prognostizierte der IWF eine Verlangsamung des BIP-Wachstums von 7,1 % im Jahr 2024 auf 5,2 % in diesem Jahr und im Anschluss auf 4 % im Jahr 2026.

Vietnams strategische Position in der US-chinesischen Lieferkette ist bedroht

Die neue von US-chinesischer Rivalität und geoökonomischer Fragmentierung geprägte Weltordnung bringt den Produktions- und Montagestandort Vietnam in eine heikle Situation. Einerseits geht nahezu die Hälfte des vietnamesischen Exports in die USA und nach China, andererseits bezieht Vietnam die Hälfte seiner Importe, darunter Rohstoffe und Einsatzgüter für die Industrie wie zum Beispiel Elektronikbauteile, aus China. Diese Waren sind außerdem eine wichtige Quelle für Direktinvestitionen. Vietnams Bedeutung in internationalen Lieferketten hat derart zugenommen, dass das Treffen handels- und wirtschaftspolitischer Entscheidungen immer schwieriger werden könnte, so lange Hanoi sich weigert, Partei zu ergreifen. Darüber hinaus besteht die Gefahr, dass Trump Vietnam und auch andere asiatische Länder dazu drängt, ihre wirtschaftlichen Verflechtungen mit China zu reduzieren. Dies wäre allerdings ein unwahrscheinliches Zugeständnis, da die kommunistischen Parteien beider Länder enge Beziehungen pflegen. Außerdem ist die chinesische Volkswirtschaft der regionale Wachstumsmotor und der Großteil der chinesischen Investitionen in Vietnam zielt auf den Reexport von Gütern in die USA. Aufgrund der hohen Abhängigkeit von chinesischen und US-amerikanischen Investitionen möchte Hanoi an seiner „Bambusdiplomatie“ festhalten, nach der außenpolitische Neutralität Vorteile von beiden Seiten einbringt. Weitere Maßnahmen zur Verringerung der hohen wirtschaftlichen Abhängigkeit wären sowohl intraregionaler Handel, der in Südostasien bereits weit verbreitet ist, als auch bilateraler Handel mit anderen Partnern, in erster Linie in Asien, bei gleichzeitiger sukzessiver Reduzierung der Exponierung gegenüber dem US-Markt. Außerdem dürfte die aktive Suche nach neuen Freihandelsabkommen – zusätzlich zu den zahlreichen bestehenden Verträgen wie die Regional Comprehensive Economic Partnership im asiatisch-pazifischen Raum – mit großer Wahrscheinlichkeit weitergehen. Sicher ist, dass das Risikoniveau der vietnamesischen Wirtschaft in den kommenden Jahren von schwierigen Zeiten geprägt sein wird.

Analyst: Raphaël Cecchi – r.cecchi@credendo.com


 1 Am 28. Mai erklärte das US-Gericht für Internationalen Handel die reziproken Zölle der USA für rechtswidrig, doch ein US-Bundesberufungsgericht hob diese Entscheidung wieder auf. Das Urteil wird einen Teil des US-Handelskriegs vorübergehend abwenden und die Verhängung hoher US-Importzölle gegen Länder verzögern. Erhöhte US-Importzölle gegen bestimmte Branchen bleiben vom Urteil jedoch unberührt.

24/06/2025

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