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Mexiko: Gratwanderung bei steigendem Druck aus den USA

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A street in Mexico
22/10/2026

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Aktuelle Länderinfos

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Auf einen Blick

  • Trotz zunehmender geopolitischer Rivalität ist es Präsidentin Sheinbaum weitgehend gelungen, ein Gleichgewicht der Beziehungen zu den USA und China zu schaffen.
  • Die Weigerung der USA zur Verlängerung des Freihandelsabkommens USMCA steigert die Unsicherheit und beeinträchtigt damit Exporte, Investitionen und Wirtschaftswachstum, auch wenn das Abkommen bis 2036 in Kraft bleibt.
  • Die Staatsverschuldung ist auf den höchsten Stand seit über 30 Jahren angewachsen, wenngleich das Schuldentragfähigkeitsrisiko bis auf Weiteres begrenzt bleibt.
  • Beträchtliche Vorkommen an kritischen Mineralien könnten die strategische Bedeutung Mexikos gegenüber den USA stärken, die mit der Diversifizierung ihrer Lieferketten eine Alternative zu China suchen.
  • Klimabedingte Risiken wie ein potenzieller „Super El Niño“ stellen in Zeiten des Klimawandels eine wachsende Bedrohung dar.

Pro

Relativ diversifizierte Wirtschaft
Stabile politische Rahmenbedingungen
Tragfähige Schuldendynamik

Kontra

Abschwächung der institutionellen Indikatoren
Anfälligkeit für US-Handelspolitik und potenzielle Verlangsamung der US-Wirtschaft
Als Nettoölimporteur ist Mexiko anfällig für den Nahostkonflikt

Staatsoberhaupt und Regierungschefin

Präsidentin Claudia Sheinbaum Pardo (seit dem 1. Oktober 2024)

Bevölkerung

131,9 Millionen

Pro-Kopf-Einkommen

13.730 USD

Einkommensgruppe

Hohes mittleres Einkommen

Hauptexportgüter

Industrieerzeugnisse (66,3 % der Leistungsbilanzeinnahmen im Jahr 2025), private Transfers (7,7 %), Nahrungsmittel (6,2 %), Reisebranche (4,3 %) sowie Brennstoffe (2,6 %)

Sicherheitslage scheint sich verbessert zu haben 

Claudia Sheinbaum nähert sich der Halbzeitmarke ihrer sechsjährigen Präsidentschaft, wenngleich die Geschwindigkeit und Intensität der vergangenen zwei Jahre die Zeit möglicherweise länger erscheinen ließen. Trotz einer zunehmend konfrontativ agierenden US-Regierung gelingt Sheinbaum eine weitgehend erfolgreiche Gratwanderung zwischen relativ konstruktiven Beziehungen zu den USA, der aktuellen Supermacht und Mexikos bedeutendstem Exportmarkt, sowie zum größten geopolitischen US-Rivalen China, einem wichtigen Zulieferer für Mexikos Fertigungsindustrie. Ihre besonnene und pragmatische Haltung gegenüber Präsident Trump und ihr taktvoller Umgang mit US-Bedenken hinsichtlich der Widerstandsfähigkeit der Lieferketten, unter anderem durch höhere Einfuhrzölle auf chinesische Importe, haben zur Eindämmung bilateraler Spannungen beigetragen.

Außerdem hat sie den Ansatz „Umarmungen statt Kugeln“ ihres Vorgängers verworfen und setzt im Kampf gegen den Drogenhandel (einem wichtigen Wahlkampfthema in den USA) auf eine direktere und energischere Sicherheitsstrategie. Infolgedessen scheint sich die Sicherheitslage in Mexiko in letzter Zeit verbessert zu haben und die Mordraten gehen zurück. Dieser Gewinn an Sicherheit könnte sich allerdings als fragil erweisen, da tiefsitzende Probleme wie Korruption ungelöst bleiben.

USMCA-Handelsgespräche belasten Wirtschaftswachstum

Seit Juli haben sich die bilateralen Beziehungen verschlechtert, nachdem sich die USA – wenig überraschend – geweigert hatten, das Freihandelsabkommen USMCA um weitere 16 Jahre zu verlängern. Infolgedessen bleiben die bestehenden USMCA-Regeln noch zehn Jahre lang in Kraft, sofern kein Land aus dem Abkommen austritt. Mexikanische Exporte, die den Vorgaben des USMCA entsprechen – etwa 90 % aller Exporte in die USA –, gelangen weiterhin zollfrei auf den US-amerikanischen Markt. Die entscheidende Änderung ist allerdings, dass das Abkommen nunmehr einer jährlichen Überprüfung unterzogen wird, was die Unsicherheit für mexikanische Unternehmen und Investoren erhöht. Sollten die Vertragsverlängerungsverhandlungen erfolglos bleiben, würde dies außerdem ein Auslaufen des Abkommens im Jahr 2036 bedeuten. Trump hat daher kaum Anlass, sich voreilig auf einen neuen Deal einzulassen, da die aktuelle Unklarheit ihm maximalen Einfluss auf sowohl Mexiko als auch Kanada ermöglicht. Das wiederum hilft den USA, Zugeständnisse zu erzielen, etwa beim Vorgehen gegen Migration. Es ist allerdings nicht auszuschließen, dass Trump noch vor Verstreichen seiner Amtszeit eine Verlängerung des USMCA anstreben wird, da er als geschickter „Dealmaker“ wahrgenommen werden möchte und den ursprünglichen Vertrag in seiner ersten Amtszeit selbst ausgehandelt hat. 
Doch solange der Neuverhandlungsprozess zum USMCA andauert, stellt er eine Belastung für den mexikanischen Export dar und verzögert Investitionsentscheidungen, und belastet das Wirtschaftswachstum insgesamt. Dabei ist der Zeitpunkt denkbar ungünstig, da Mexiko in den vergangenen Jahren ein ohnehin schon schwaches Wirtschaftswachstum zu verzeichnen hatte (Grafik 1). Der anhaltende Nahostkonflikt dürfte aufgrund höherer Kraftstoffpreise (Mexiko ist seit 2015 ein Nettokraftstoffimporteur), steigender Inflation und der daraus resultierenden straffen Geldpolitik (Grafik 2) ebenfalls negative Auswirkungen auf die diesjährige Wirtschaftstätigkeit haben. 

Kritische Mineralien könnten US-Beziehungen verbessern 

Wie viele lateinamerikanische Staaten verfügt Mexiko über beträchtliche Mineralvorkommen, die für die Energiewende notwendig sind. So ist Mexiko der weltweit größte Silberproduzent, gehört zu den zehn bedeutendsten Kupferproduzenten und ist ein führender Produzent von Zink und Fluorit (notwendig für Fluorchemikalien und die Stahlproduktion). Darüber hinaus verfügt Mexiko über die weltweit neuntgrößten Lithiumvorkommen, wenngleich die kommerzielle Erschließung eingeschränkt bleibt, nachdem die Vorkommen 2022 im Zuge einer Reform verstaatlicht wurden. Angesichts der Bestrebungen der USA, ein Gegengewicht zur chinesischen Dominanz in den Lieferketten für kritische Mineralien zu schaffen, bietet Mexikos unausgeschöpfter Rohstoffreichtum erhebliches langfristiges Wachstumspotenzial und Chancen für die Vertiefung der bilateralen Wirtschaftsbeziehungen.

Staatsverschuldung erreicht historischen Höchststand

2024, als Sheinbaum die Nachfolge ihres linksgerichteten Vorgängers und Mentors Andrés Manuel López Obrador antrat, lag das Haushaltsdefizit bei 5,8 % des BIP – dem höchsten Stand in nahezu 40 Jahren –, was unter anderem den umfangreichen Infrastrukturausgaben geschuldet war. Seitdem ist das Defizit allmählich zurückgegangen und dürfte dieses Jahr 4,4 % des BIP erreichen. Da das Wirtschaftswachstum allerdings seit 2024 nicht über einen Durchschnitt von circa 1 % hinausgeht, ist die Staatsverschuldung von einem ohnehin schon hohen Wert von 59 % des BIP im Jahr 2024 auf geschätzte 63 % bis Ende 2026 angeschwollen. Obwohl der Wert noch beherrschbar bleibt und unter dem lateinamerikanischen Durchschnitt liegt (Grafik 3), hatte Mexiko in über 30 Jahren keine derart hohe Staatsverschuldung. Hinzu kommen beträchtliche Zinszahlungen, die nahezu ein Viertel der Staatseinnahmen aufzehren, was im lateinamerikanischen Kontext einen hohen Anteil darstellt (Grafik 4). Außerdem hat Moody’s im Mai das Rating der mexikanischen Staatsverschuldung auf lediglich eine Stufe über dem spekulativen Bereich gesenkt. Dennoch befindet sich die Staatsverschuldung Mexikos nach wie vor auf Investment-Grade-Niveau („anlagewürdig“) und gemäß IWF-Prognosen wird sich der öffentliche Schuldenstand angesichts einer graduellen Haushaltskonsolidierung in den kommenden Jahren bei einem erhöhten, aber tragfähigen Niveau von rund 63 % des BIP stabilisieren. Diese Aussichten könnten sich allerdings als zu optimistisch erweisen: Die IWF-Prognosen gehen für die kommenden Jahre von einem Wirtschaftswachstum von rund 2 % aus, was nahezu dem Doppelten der durchschnittlichen Wachstumsrate von lediglich 1,2 % zwischen 2015 und 2025 entspricht. Gleichzeitig bietet die Zusammensetzung der öffentlichen Ausgaben nur begrenzten Anpassungsspielraum: Neben hohen Zinszahlungen entfällt nahezu ein Drittel der Staatsausgaben auf Renten und Sozialtransfers, während der staatliche Ölgigant Pemex weiterhin eine beträchtliche fiskalische Belastung darstellt. Eine sinnvolle Konsolidierung gestaltet sich daher politisch gesehen schwierig, insbesondere angesichts der im nächsten Jahr anstehenden Zwischenwahlen.

Bevorstehender „Super El Niño“ dürfte schwere Dürren verursachen

Der Klimawandel hat Dürreereignisse und die damit einhergehende Wasserknappheit verschärft, vor allem in Zentralamerika während El-Niño-Jahren. Ein für dieses Jahresende vorhergesagter „Super El Niño“ könnte daher in Mexiko schwerwiegenden Wasserstress verursachen, mit potenziellen negativen Auswirkungen auf sowohl die Nahrungsmittelproduktion, die rund 6 % der Leistungsbilanzeinnahmen ausmacht, als auch die Fertigungsindustrie, die etwa zwei Drittel der Leistungsbilanzeinnahmen erwirtschaftet. Wasserknappheit bereitet Unternehmen schon jetzt zunehmende Sorgen, da Mexiko zu den lateinamerikanischen Ländern gehört, in denen Wasserstress am stärksten ausgeprägt ist. In den letzten Jahren haben die Behörden große industrielle Wasserverbraucher, einschließlich Getränkehersteller, dazu gedrängt, den Verbrauch zu reduzieren und zu lokalen Wasserversorgungslösungen in Dürreregionen beizutragen. Die Expansion wasserintensiver Industrien, wie zum Beispiel KI-Rechenzentren und technisch weniger anspruchsvolle Halbleiterfertigung, könnten den Druck auf Mexikos knappe Ressourcen weiter verschärfen, gerade in dürregefährdeten Industrieregionen. Des Weiteren werden tropische Stürme aufgrund des Klimawandels immer extremer und treffen regelmäßig auf Mexikos Küstengebiete, mit den entsprechenden Auswirkungen auf Gemeinschaften, Infrastruktur und Unternehmen.

Negative Aussichten für das mittel- bis langfristige politische Risiko angesichts einer Verschlechterung der institutionellen Qualität

Credendo hat Mexikos kurzfristiges politisches Risiko in Kategorie 2/7 eingestuft, mit stabilem Ausblick. Das Land weist eine niedrige kurzfristige Auslandsverschuldung auf, die Währungsreserven sind angemessen. Das mittel- bis langfristige politische Risiko ist in Kategorie 3/7 eingestuft und spiegelt damit Mexikos tragfähige Auslandsverschuldung und Schuldendienstquote, die niedrigen Leistungsbilanzdefizite und stabilen Staatsfinanzen sowie die wirtschaftliche Diversifizierung wider, ungeachtet der beträchtlichen Abhängigkeit von der US-Wirtschaft. Der Ausblick ist negativ und hängt davon ab, wie sich die US-Handelspolitik künftig weiterentwickelt und inwieweit sich die Qualität von Mexikos Institutionen verschlechtert.

Analystin: Jolyn Debuysscher – j.Debuysscher@credendo.com

22/10/2026

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