Kasachstan: Ein Land nutzt das Potenzial seiner riesigen Rohstoffvorkommen und seiner Investorenattraktivität

Landscape in Astana

Filed under

share article

Auf einen Blick

  • Die starken makroökonomischen Fundamentaldaten Kasachstans begünstigen wirtschaftliche Resilienz – trotz wiederholter externer Schocks. 
  • Vor dem Hintergrund globaler Lieferkettendiversifizierung, höherer Direktinvestitionen (insbesondere in kritische Mineralien) und der Vertiefung der regionalen Handelsintegration werden die mittel- bis langfristigen Aussichten von der erwarteten Beschleunigung des Mittleren Korridors gestärkt.
  • Kasachstans Hauptrisiken beruhen auf der Abhängigkeit von der wichtigen heimischen Ölindustrie, die den Folgen des Ukrainekriegs und russischer Einflussnahme ausgesetzt ist.
  • Die Auswirkungen des Nahostkonflikts und der aktuellen russischen Kraftstoffkrise werden jedoch von Kasachstans Ölindustrie abgeschwächt.
  • Die Aussichten für das mittel- bis langfristige politische Risiko sind nach der jüngsten Hochstufung auf 4/7 stabil. 

Pro

Umfangreiche Vorkommen wichtiger Rohstoffe
Tragfähige öffentliche Finanzlage
Günstige geopolitische Lage und ein attraktiver Partner für Großmächte

Kontra

Hohe wirtschaftliche Abhängigkeit von der Ölindustrie
Negativer Einfluss des Ukrainekriegs
Anfälligkeit für russische Einflussnahme

Staatsoberhaupt

Präsident Kassym-Schomart Tokajew

Regierungschef

Premierminister Olschas Bektenov

Bevölkerung

20,6 Millionen

BNE pro Kopf

12.090 USD

Einkommensgruppe

Hohes mittleres Einkommen

Hauptexportgüter

Brennstoffe (43,6 % der Leistungsbilanzeinnahmen im Jahr 2025), Fertigwarenexporte (18 %), Erze und Metalle (13,3 %), Transport (6 %), Nahrungsmittel (5,5 %)

Wirtschaftliche Resilienz und gute mittel- bis langfristige Aussichten

Obwohl Kasachstan in den letzten Jahren von mehreren externen Schocks getroffen wurde (Covid-19, Ukrainekrieg, Nahostkonflikt), zeichnet es sich unverändert durch wirtschaftliche Resilienz aus. Mit soliden Staatsfinanzen (die Staatsverschuldung lag im vergangenen Jahr bei 25 % des BIP und das Haushaltsdefizit konnte auf 3 % des BIP begrenzt werden), einem beherrschbaren Leistungsbilanzdefizit sowie einer niedrigen Auslandsverschuldung und Schuldendienstlast sind die makroökonomischen Fundamentaldaten robust.  

Die Wirtschaft des Landes profitiert zudem von Investitionen im Zuge der chinesischen „Belt and Road“-Initiative, sowie von politischer Stabilität unter der sich festigenden Regierung Präsident Tokajews.  Es kommt bisweilen zu Protesten, die im Januar 2022 einen Höhepunkt erreichten und von russischen Truppen unterdrückt wurden. 
Auch die Zunahme regionaler Handelsaktivitäten und Verflechtungen, vor allem mit Usbekistan, dürfte die wirtschaftlichen Aussichten stützen. Großmächte (einschließlich die EU) zeigen vor dem Hintergrund sich verlagernder globaler Lieferketten und dem Streben nach größerer Diversifizierung und wirtschaftlicher Widerstandsfähigkeit erhebliches Interesse an Kasachstans bedeutendem Wirtschafts- und Handelspotenzial, sowie an seinen enormen Rohstoffvorkommen. Kasachstan verfügt über einen beträchtlichen Rohstoffreichtum, unter anderem Öl, Gas, Uran und kritische Mineralien. Dieser Rohstoffreichtum führt zu weitgehenden Handels- und Investitionszusagen in den Bereichen Transport und digitale Infrastruktur, Logistik, Energie, sowie der Förderung kritischer Mineralien. Darüber hinaus tauscht Astana seine Rohstoffe gegen den Zugang zu Technologien ein. Die kasachischen Behörden möchten das Land zu einem zentralasiatischen Zentrum für Digitales und KI ausbauen und profitieren bei der Modernisierung der Technologie von der maßgeblichen Unterstützung Chinas, das etwa die Entwicklung des Data Centre Valley im Nordosten des Landes fördert. Dies wird die positiven Wirtschaftsaussichten Kasachstans stärken und hat im Juni zur Hochstufung des mittel- bis langfristigen politischen Risikos von 5/7 auf 4/7 beigetragen.

Kasachstans Kraftstoffindustrie: Einfluss des Ukrainekriegs

Die kasachische Wirtschaft ist derzeit weitgehend vom Öl- und Gassektor abhängig. Da der Ölexport etwa die Hälfte der gesamten Leistungsbilanzeinnahmen ausmacht, muss Astana seine Wirtschaft diversifizieren, um die Anfälligkeit für Ölpreisschwankungen und die Außenhandelsabhängigkeit von Russland zu reduzieren. Zum einen ist das Land den volatilen internationalen Ölpreisen ausgesetzt. Zum anderen bildet die Abhängigkeit von Russland insbesondere aufgrund des Ukrainekriegs eine Schwachstelle, da das wichtige Kaspische Pipelinekonsortium CPC, das 80 % des gesamten kasachischen Ölexports bewältigt, durch Russland verläuft. Dies ermöglicht Russland nicht nur politische und wirtschaftliche Einflussnahme, wie mehrere vorübergehende Transportunterbrechungen und Störungen gezeigt haben, sondern erwies sich als zentrales Risiko, als der russische Abschnitt des CPC und Tanker im Schwarzen Meer 2025 und Anfang dieses Jahres von ukrainischen Drohnen getroffen wurden. Die daraus resultierenden Schäden führten zu Störungen in der Ölförderung und einem Rückgang der Exportmengen – und des BIP-Wachstums. Solange der Konflikt in der Ukraine anhält – und eine Waffenruhe erscheint nach wie vor in weiter Ferne – bleibt die Gefahr weiterer Angriffe und der damit einhergehenden Sicherheits- und Wirtschaftsrisiken bestehen und bedroht Kasachstans Position der Neutralität im Konflikt. Diese Situation könnte sich in den kommenden Monaten verbessern, da Kiew nach einem im August von den USA gestellten Ersuchen zugestimmt hat, Angriffe auf CPC-Infrastruktur und Tanker, die dem kasachischen Ölexport dienen, einzustellen. 

Mittlerer Korridor wird Expansion beschleunigen

Ein weiteres Risiko im Zusammenhang mit dem Konflikt beruht auf Sekundärsanktionen der EU gegen kasachische Reexporte nach Russland, sofern diese bestehende Sanktionen umgehen. Obgleich die EU gegen einige Gesellschaften und Banken Sanktionen verhängt hat, wird dieses Risiko von den guten bilateralen Beziehungen und der geoökonomischen Bedeutung des größten zentralasiatischen Staates für die EU abgemildert. Wichtiger ist jedoch, dass Astana entschlossen ist, die Ausweitung des Handels mittel- bis langfristig durch die Nutzung des sogenannten Mittleren Korridors zu beschleunigen. Auf dieser auch als Transkaspische Internationale Transportroute bezeichneten Verbindung zwischen China und der EU wird Russland umgangen. Um diese Route attraktiver und effizienter zu machen, sind jedoch noch jahrelange Modernisierungsarbeiten an der Infrastruktur, sowie die Verbesserung der Logistik und geltenden Vorschriften und Zollverfahren erforderlich.

Ölförderung reduziert die Auswirkungen des Nahostkonflikts

Aus dem aktuellen Konflikt im Nahen Osten dürfte Kasachstan als relativer Gewinner hervorgehen, da sein Ölsektor und die hohen internationalen Preise den Rückgang der Ölförderung mehr als ausgleichen und den Wert der Exporte steigern. Das Land blieb außerdem von Kraftstoffengpässen in Verbindung mit Russlands Krise bei raffinierten Kraftstoffen verschont. Dies ändert jedoch nichts daran, dass sich das BIP-Wachstum mittel- bis langfristig von einem Vierzehnjahreshoch im Jahr 2025 (+6,5 %) auf unter 4 % verlangsamen wird. 

Durch einen höheren Kostenaufwand und fiskalische Expansion könnte die Inflation auf längere Sicht im zweitstelligen Bereich liegen, während das Leistungsbilanzdefizit angesichts steigender Importe anschwillt. Positiv zu vermerken ist, dass die Aussichten für die Auslandsverschuldung und Leistungsbilanz in den nächsten Jahren recht stabil erscheinen. In der kommenden Zeit wird sich der Blick vorrangig auf die Währungsreserven richten (Gold ausgenommen), die sich seit April 2025 in einer Abwärtsbewegung befinden und im Juni um über 30 % zurückgegangen sind (Einfuhrbedarf von sechs Wochen). 

Andererseits werden Liquiditätsrisiken von beträchtlichen Goldreserven und potenziellen Transferzahlungen aus Kasachstans Staatsfonds, der von Öleinnahmen gespeist wird, erheblich gemindert. Letzterer entspricht dem dreifachen Umfang der Währungsreserven und trägt damit zu Kasachstans positiver Bewertung beim kurzfristigen politischen Risiko bei (2/7).

Analyst: Raphaël Cecchi – r.cecchi@credendo.com

Filed under